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Doppeldenk
Totentanz
10.12.2016 - 26.01.2017

Das Wissen um den Tod und die eigene Sterblichkeit gilt als Ursprung der Kultur. Kein Wunder also, dass seit jeher versucht wird, sich ein Bild von ihm zu machen. Dass der Tod bilderfreundlich sei, befand deswegen auch der französische Historiker Philippe Ariès. Dort wo die Sprache versagt, kann nur das Bild die Radikalität des Todes zur Schau stellen.
Die im Mittelalter aufkommende Darstellung des Totentanzes zeigt den Tod als gleichmachende Gewalt. Er fordert jeden zum Tanz auf – ob König oder Bauer. Es ist ein Triumph des Sterbens über das Kabinett menschlicher Eitelkeiten, der bedeutet: Egal, wer du bist – der Tod ist gewiss.
Diesem Thema hat sich das Leipziger Künstlerduo Doppeldenk gewidmet, um die Darstellungsform des Totentanzes in die Gegenwart zu transportieren. Marcel Baer und Andreas Glauch sind für die Verbindung von popkultureller Bildsprache und Mainstream-Symbolik mit subversiven Inhalten bekannt. Der Betrachter sieht zunächst die bunte, plakative Farbigkeit – stößt allerdings bei näherer Betrachtung auf eine inhaltliche Vielschichtigkeit. Wenn man so will eine Manipulation des Konsumenten, die direkt in den namensgebenden Neologismus „Doppeldenk“aus 1984 von George Orwell mündet.
In der Hamburger Affenfaust Galerie werden Marcel Baer und Andreas Glauch im Dezember 2016 die groß angelegte Einzelschau „Totentanz“ präsentieren. Die Ausstellung ist der nächste Meilenstein in der langen Zusammenarbeit zwischen dem Künstlerduo Doppeldenk
und der Hamburger Galerie.
(Text: Michele Buss)
Laufzeit: 10. Dezember – 26. Januar
Öffnungszeiten:
Mittwoch, Donnerstag, Samstag 14-18 Uhr

 

Interview mit Marcel Baer und Andreas Glauch von „Doppeldenk“

Wenn man sich eure Malerei anschaut, scheint es viel um Präzision zu gehen. Klare Linien treffen auf saubere Flächen. Zunächst mal eine arbeitsphilosophische Frage: Abkleben oder nicht abkleben?
Andreas Glauch: Wir kommen ja beide, also Marcel noch etwas mehr, aus dem Bereich der Druckgrafik. Als wir angefangen haben zusammen zu arbeiten, wollten wir unsere Drucke in die Malerei überführen. Das ist soweit gegangen, dass wir die ersten Bilder noch komplett mit Rasterpunkten gearbeitet haben, die wir per Hand auf die Leinwand malten. Also ein bisschen so wie Liechtenstein. Wir haben ja 2007 angefangen und haben uns dann immer weiter dahin bewegt, mit der Technik des Abklebens diese klaren Linien und Flächen zu schaffen. Das passt auch einfach zu unserer Malerei, die ja auch eher etwas Trockenes und Statisches hat.
Marcel Baer: Es geht in unserer Arbeit eher weniger um das Medium oder die Technik, so lange die Wertigkeit stimmt. Also ob das jetzt gemalt, gezeichnet, gedruckt oder ob das eine Skulptur ist – das spielt keine Rolle. Es geht bei uns primär um die Inhalte, die wir transportieren wollen.
AG: Das ist bei uns ja auch nicht so wie bei einem Einzelkünstler, der vielleicht eine Skizze macht und dann mit seinem freien Strich lospinselt. Wir sind zu zweit und haben mittlerweile auch teilweise Assistenten, die bei den Bildern mitarbeiten. In so einem Konzept ist ein eigener Duktus auch einfach von Nachteil. Es geht bei unserer Arbeit nicht darum, wer das Bild gemalt hat oder welchen Swing er hat. Nicht so wie zum Beispiel im Graffiti, wo ich ja auch herkomme. Unser Anspruch ist eher die Persönlichkeit oder Handschrift aus den Bildern zu verbannen.
Das heißt, dass es bei euch eher weniger um das Individuum als Künstler geht?
MB: Ja genau. Deswegen arbeiten wir zum Beispiel auch nicht unter unseren persönlichen Namen, sondern unter einem Pseudonym. Aber um nochmal zu dem Thema der künstlerischen Handschrift zu kommen: Ich denke, dass sich unsere Handschrift eher weniger aus einem Duktus heraus ergibt. Dadurch, dass wir unsere Inhalte und Motive so konsequent durchziehen, ergibt sich unsere Handschrift. Aber du hast schon recht unsere Herangehensweise ist nicht im klassischen Sinn künstlerisch-individualisiert, es geht mehr um das Projekt und die Inhalte.
Eure Motive und Farbwahl ist ja auf den ersten Blick sehr poppig und ansprechend. Was für ein Verhältnis haben eure Motive mit den Inhalten?
MB: Die Farbwahl funktioniert für uns erstmal als Türöffner. Aber du musst das unterscheiden. Es gibt Bilder, da geht es uns nur um die Form und Farbe – die werden oft in Druckauflagen verarbeitet. Aber unsere Malerei behandelt eher komplexere gesellschaftsrelevante Themen und benutzt eben dieselbe Farbpalette. Und das ist dann dieser Türöffner, dass der Betrachter erstmal denkt: Haha – lustig. Aber nach kurzer Auseinandersetzung mit dem Bild, ist es eben nicht mehr lustig.
AG:Ich komme ja aus Karl-Marx-Stadt und bin mitten in der DDR-Wirklichkeit sozialisiert worden. Und davon steckt noch ganz viel in mir drin. Also die typischen Farben in Chemnitz waren grau, braun und schwarz. Und die gleiche Farblosigkeit war auch in der DDR-Malerei vorhanden. Da ist dann so eine Sehnsucht entstanden. Dann kam in den 80ern Beatstreet und dieser ganze HipHop-, Breakdance- und Graffitikram. Das hat uns gehörig den Verstand verrührt. Dazu kommt, dass die Themen, die wir behandeln jetzt aber auch keine pure Lebensfreude oder irgendwelche Marketing-Gags sind. Das sind schon düstere Gedanken oder auch mal Zweifel. Das dann auch noch düster darzustellen wäre ja witzlos.
MB: Es gibt ja auch ganz viel Kunst, die Abgründe oder schonungslose Gewalt auch besonders realistisch darstellen will. Aber die Realität hat die Kunst da mittlerweile eingeholt. Früher, als es noch keine Fotografie gab, da hat es auch Sinn gemacht zum Beispiel eine Kriegsszene dramatisch darzustellen. Heute ist die Realität ja viel grausamer, als es die Kunst sein kann. Mit unseren Bildern wollen wir den Leuten auch bei düsteren Themen noch eine Freude machen. Und irgendwie finden wir dieses knallige auch selber einfach geil. Ich bin ja auch noch in der DDR groß geworden. Wenn du in den 80ern in Zwickau aus dem Zug gestiegen bist, da war die Luft voll mit gelbem Schwefel von den Braunkohleheizungen. Es gab auch kaum Werbung auf der Straße und keine so bunten Magazine. Diese Tristesse und dieses Erscheinungsbild der Städte hat sich ja auch nach der Wende nicht so schnell verändert. Das wollte man dann einfach nur hinter sich lassen. Dazu kommt das ich in den 90ern groß geworden bin. Die Optik von Amiga, C64, Technopartys und psychoaktiven Substanzen findet sich dann auch in unseren Bildern wieder. So ergänzen wir uns: Andreas mit dem Graffiti-Background und ich mit dem Grafik-Background. Die inhaltlichen Themen und die Auseinandersetzung damit, ist der gemeinsame Nenner von uns beiden. Wir zwei sind so verschiedene Charaktere, die ja auch ein eigenes Leben haben. Dieser spezielle Blick auf die Welt, eine ähnliche Art von Humor und auch die Vorliebe für die Art der Umsetzung ist unser gemeinsames Interesse.
Ihr habt als nächstes ja ein ziemlich großes Ausstellungsprojekt auf dem Zettel. Worum geht es inhaltlich in eurer kommenden Einzelausstellung „Totentanz“ in der Affenfaust Galerie in Hamburg?
MB: Der „Totentanz“ ist ein altbekanntes Motiv, das wir in die heutige Zeit transportieren. Wir stellen also keine Adeligen, Bürger und Kaufmänner dar, sondern Character aus der heutigen Gesellschaft. Früher wurden Totentänze z.B. auf Friedhofsmauern oder in Sitzungssälen in Rathäusern präsentiert. Das Hauptwerk unserer Ausstellung werden sechzehn zwei mal zwei Meter Leinwände sein, die alle zusammen eine große Bühne des Lebens darstellen. Auf jeder Leinwand ist dann jeweils ein Tanzpaar dargestellt. Da tanzt der Tod mit Bauarbeiter, Krankenschwester oder Finanzhai. Thematisch geht es insgesamt um eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Leben und Tod.
In der klassischen Kunstform des Totentanzes ging es ja auch immer darum, das Macht- /Ohnmacht-Spiel zwischen Leben und Tod darzustellen. Wer führt eigentlich in dem Tanz?
AG: Der Tod. Am Ende bestimmt der Tod.
MB: Der Tod ist das Leben – so sehe ich das. Du stirbst quasi dein ganzes Leben lang. Je älter man wird, desto bewusster wird einem das ja auch. Die ersten 20 Jahre meines Lebens dachte ich kaum über den Tod nach. Dann hat man erste persönliche Erfahrungen mit dem Tod von Familienmitgliedern im Bekanntenkreis und einem wird der Tod immer gegenwärtiger. Der Tod und das Leben sind nicht voneinander zu trennen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der einem suggeriert wird, dass es ewig weitergeht. Deswegen ist das Thema für uns so wichtig. Die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Tod ist nicht en vogue. Ganz im Gegenteil, wenn man sich die Arbeit von Verfechtern des Transhumanismus wie zum Beispiel Ray Kurzweil anschaut. Dieses Streben nach Singularität und Unsterblichkeit ist ja völlig paradox, weil das Leben ohne das Bewusstsein der Sterblichkeit gar keine Bedeutung mehr hätte.
Also der Tod führt.
AG: Ja.
MB. Ja. Eindeutig.
Ich finde es auffällig, dass im Gegensatz zu euren früheren Arbeiten, nur sehr wenig Schrift im Bild vorkommt. Woher kommt das?
MB: War kein Platz mehr (Lacht). Andreas, wieso ist da wenig Schrift in den neuen Bildern?
AG: Vielleicht hängt das mit so einer Sprachlosigkeit zusammen. Wenn man versucht nur annähernd zu beschreiben, wie du dein zehn Minuten altes Kind das erste Mal auf die nackte Brust gelegt kriegst – da findest du keine Worte. Vielleicht bin ich nicht wortgewandt genug, aber da scheitere ich mit Worten. Auf der anderen Seite ist mein Vater letztes Jahr an Weihnachten gestorben. Da habe ich auch keine Worte gefunden. Vielleicht hängt das damit zusammen. Worte ziehen ja auch immer eine Grenze zwischen verschiedenen Personen. Du musst die Sprache lesen oder verstehen können, um den Inhalt zu verstehen. Aber der Tod ist universell und auch lautlos. Der Tod sagt nichts, der schwingt nur wortlos seine Sense und dann ist es mit dir vorbei. Vielleicht ist das auch ein Grund.
Was ist neu an der Ausstellung Totentanz, im Gegensatz zu euren vorherigen Ausstellungen / Arbeiten?
MB: Es gab bisher nie die Möglichkeit, einen so großen Galerieraum zur Verfügung zu haben. Wir haben uns auch noch nie so intensiv und über einen so langen Zeitraum einer thematisch aufgebauten Einzelausstellung gewidmet. Das wird ein großes Experiment in Hamburg. Wir freuen uns drauf.
Wir freuen uns drauf. Vielen Dank für das Gespräch.
(Interview: Michele Buss)

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Vernissage

10.12.2016, 19:00

Laufzeit

10.12.2016 - 26.01.2017

Location

Affenfaust Galerie

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