Sein Und Sachen | Affenfaust Galerie

14.02.2026 - 07.03.2026

Johannes Philipp Speder

SEIN&SACHEN

In seiner Einzelausstellung SEIN&SACHEN zeigt der Hamburger Künstler Johannes Philipp Speder Arbeiten aus rund dreißig Jahren künstlerischen Schaffens. Die Ausstellung versteht sich nicht als chronologische Retrospektive, sondern als vielstimmige Gegenüberstellung unterschiedlicher Werkphasen, Materialien und Ausdrucksformen. Skulptur, Bild und Schrift treten in einen offenen Dialog, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart wechselseitig befragen. Dreißig Jahre Arbeit werden hier zu dreißig Jahren Sein.

Im Zentrum von SEIN&Sachen stehen Speders Skulpturen und die textbasierten Arbeiten, die gemeinsam ein dichtes Spannungsfeld eröffnen. Die Skulpturen entfalten ein breites formales Spektrum: von klar figürlichen Körpern über hybride Mischwesen bis hin zu nahezu abstrakten Setzungen. Viele der Figuren tragen unverkennbar menschliche Züge, während Gesichter oder einzelne Körperpartien durch Elemente aus Flora und Fauna maskenartig überformt sind. Andere erscheinen vollständig menschlich oder lösen sich beinahe vollständig von der Figuration. Was diese Arbeiten verbindet, ist eine konsequente Auseinandersetzung mit dem Körper als Träger von Bedeutung – als Projektionsfläche für Identität, Erinnerung und kulturelle Zuschreibung. Der Mensch erscheint nicht als abgeschlossenes Subjekt, sondern als wandelbare, durchlässige Form innerhalb eines größeren biologischen und kulturellen Zusammenhangs.

Eine zentrale gedankliche Grundlage der Ausstellung bildet ein Kalenderzyklus von 365 SEINS-Formulierungen, den Johannes Philipp Speder als kontinuierliche Setzung entwickelt hat. Aus diesem sprachlichen Reservoir gehen die SEINS Werke der Ausstellung hervor, Emaillearbeiten, in denen einzelne Formulierungen in eine präzise visuelle Form überführt werden. Die Aussagen fungieren als verdichtete Impulse, als minimale Eingriffe in den Alltag des Denkens. Sie formulieren kein Programm und keine Anleitung, sondern eröffnen Möglichkeitsräume: SEIN wird als Prozess verhandelt, als fortwährende Bewegung zwischen Anspruch und Erfahrung, zwischen Selbstentwurf und gelebter Realität.

SCHÖNSEIN, BEWAHRENDSEIN, GEFÜHLSEIN, GELIEBTSEIN – erscheinen in strengem Schwarz-Weiß und sind auf das Wesentliche reduziert. In ihrer plakatartigen Klarheit erinnern sie an Strategien der Konzeptkunst und der textbasierten Arbeiten des 20. Jahrhunderts, ohne deren Didaktik zu übernehmen. Die Sprache wirkt unmittelbar, beinahe imperativisch, und entfaltet gerade dadurch ihre Ambivalenz. Zwischen normativer Behauptung und individueller Erfahrung öffnet sich ein Spannungsfeld, das gesellschaftliche Erwartungshaltungen ebenso sichtbar macht wie deren Fragilität. Die serielle Anlage verweist zugleich auf kunsthistorische Konzepte von Wiederholung, Variation und Zeitlichkeit als Träger von Bedeutung. Im zweiten Raum setzt sich diese Dialektik fort. Die One Week Sculptures, jeweils innerhalb einer Woche entstanden, bündeln Speders formales Repertoire in kleinsten Maßstäben. In ihrer Größe, kaum größer als ein iPhone-Display, erscheinen sie wie verdichtete Skulpturengedanken. Vogelköpfe, klassisch anmutende Torsi und trichterförmig ausgestellte Beine verbinden sich zu hybriden Figuren, in denen kunsthistorische Zitate, persönliche Bildwelten und spielerische Überschreitungen ineinandergreifen.

Ergänzt werden diese Arbeiten durch schwarz-weiße Collagen, die mit Fragmenten, Brüchen und Neuordnungen operieren. Ihnen gegenüber hängen die Übermalungen, Collagen, bei denen Teile bewusst verdeckt, ausgelöscht oder überschrieben wurden. Diese Eingriffe verweisen auf ein deutliches Vanitas-Motiv: das Sichtbare ist immer auch vom Verschwinden bedroht, Bedeutung nie dauerhaft gesichert. Sichtbarkeit und Auslassung werden zu gleichwertigen gestalterischen Mitteln, Erinnerung und Vergänglichkeit treten in ein stilles Wechselspiel. Weitere Skulpturen wie ERASURHEAD, SPRINGMAN und die kleinen HÜTERINNEN strukturieren den Raum wie Akteure eines Ensembles. In ihrer Gesamtheit entsteht der Eindruck eines Skulpturentheaters, in dem alle stilistischen Phasen und formalen Ansätze Speders präsent sind. Die Werke treten miteinander in Beziehung, greifen Motive auf, variieren sie, widersprechen sich und erzählen voneinander. Der Gang durch die Ausstellung wird zu einer choreografierten Erfahrung, in der sich das Werk nicht erklärt, sondern ereignet.

So entfaltet SEIN&SACHEN ein Œuvre, das sich der Eindeutigkeit entzieht. Johannes Philipp Speder verbindet das Menschliche mit dem Fremden, das Körperliche mit dem Sprachlichen, das Archaische mit dem Zeitgenössischen. Die Ausstellung zeigt kein abgeschlossenes Werk, sondern einen fortlaufenden Prozess, ein lebendiges Gefüge aus dreißig Jahren künstlerischer Arbeit, Erfahrung und fortgesetztem Fragen nach dem Sein.
(Text: Eva Maria Asche)

Laufzeit

14.02.2026 - 07.03.2026

Öffnungszeiten

Vernissage, 14.2., 19-22 Uhr. Eintritt frei! Mittwoch, Donnerstag und Samstag, 14-18 Uhr. Eintritt frei!

Location

Affenfaust Galerie

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